#29 Frei­tags­blog: Mitarbeiter:innenbeteiligung

Gernot Singer - In Concert (002)

Was zum The­ma Mitarbeiter:innenbeteiligung Anfang Okto­ber – trotz inten­si­ver Auf­be­rei­tung sei­tens aller Play­er der Start­up-Sze­ne und dar­über hin­aus – von unse­rer Bun­des­re­gie­rung prä­sen­tiert wur­de (sie­he: https://www.trendingtopics.eu/neue-mitarbeiterbeteiligung-ist-erst-mal-eine-steuerbefreite-erfolgspraemie-bis‑3–000-euro/) kann man in unse­rem Jar­gon wahr­schein­lich nicht mal als MVP bezeich­nen. Ich wür­de sogar so weit gehen, von „Mitarbeiter:innenbeleidigung“ zu spre­chen, da man – wie­der mal und typisch öster­rei­chisch – der/dem ein­zel­nen nicht zutraut, mün­dig zu sein und eine bewuss­te Ent­schei­dung für das eige­ne beruf­li­che Wei­ter­kom­men zu tref­fen. Man ver­sucht, Mitarbeiter:innen vor bösen Unternehmer:innen zu schüt­zen. Es gibt Ängs­te, dass man beim monat­li­chen Gehalt Abstri­che machen wür­de (trotz aller bestehen­den Regu­la­to­ri­en dazu), um Mitarbeiter:innen dann auf ande­re, unsi­che­re Art zu kom­pen­sie­ren, näm­lich mit Unternehmensanteilen.

Aber gera­de das wür­de es brau­chen, um im viel­be­schwo­re­nen „War for Talent“ natio­nal und inter­na­tio­nal kon­kur­renz­fä­hig zu sein. Es wur­de nicht ver­stan­den, was Arbeitnehmer:innen in hoch-gefrag­ten Branchen/Position im 21. Jahr­hun­dert wirk­lich suchen und teil­wei­se aktiv ein­for­dern: Ein Teil des Unter­neh­mens zu sein, im wahrs­ten Sinn des Wor­tes. Und dass es im Regel­fall in den ers­ten Jah­ren nach Fir­men­grün­dung wohl kei­ne aus­zu­schüt­ten­den Gewin­ne geben wird, soll­te man nicht extra erklä­ren müssen.

Aktu­ell ist es näm­lich nur sehr umständ­lich mög­lich, Schlüssel-Mitarbeiter:innen abseits des Grün­dungs­teams am Erfolg bzw. Ver­kauf eines Unter­neh­mens zu betei­li­gen: Über so genann­te ESOP (Employee Stock Owners­hip Plan) Ver­ein­ba­run­gen, wo vir­tu­el­le Antei­le (Phan­tom Shares) ver­ge­ben wer­den, die weder in der aktu­el­len GmbH Struk­tur noch im Steu­er­recht ver­nünf­tig abge­bil­det sind.

Daher ist eine fle­xi­ble­re und moder­ne­re Rechts­form eine lang­jäh­ri­ge For­de­rung des Start­up-Öko­sys­tems, die somit auch neue Arten der Mitarbeiter:innenbeteiligung ermög­licht. Es geht dabei einer­seits um gesell­schafts­recht­li­che The­men wie z.B. Antei­le ohne Stimm­recht, als auch um steu­er­li­che The­men, wo man nach einer Gleich­stel­lung mit den Gründer:innen/Gesellschafter:innen/Investor:innen im Fall des Exits strebt. Kon­kret also eine End­be­steue­rung mit dem begüns­tig­ten KeSt-Satz von 27,5% vor­ge­nom­men wer­den soll.

Das The­ma ist im Übri­gen nicht nur für Star­tups, son­dern auch für zahl­rei­che KMU rele­vant, die eben­falls im Mit­be­werb nach den Talen­ten von mor­gen ste­hen. Und es sol­len ja kei­ne Arbeitnehmer:innen dazu ver­pflich­tet wer­den, son­dern ein zusätz­lich Instru­ment für jene sein, die dies als sinn­voll oder sogar not­wen­dig erachten.

Zusam­men­ge­fasst: Die Schaf­fung einer ein­fa­chen, stan­dar­di­sier­ten, rechts­si­che­ren und steu­er­fai­ren Lösung wür­de uns allen sehr viel brin­gen, wird aber sei­tens der Poli­tik aktu­ell größ­ten­teils negiert oder nicht verstanden.

 

Was auch gleich eine pas­sen­de Über­lei­tung zu einem ande­ren The­ma aus dem Recrui­t­ing-Bereich bil­det, die „Rot-Weiß-Rot-Kar­te“. Die bis­he­ri­ge Pra­xis wur­de vor­ges­tern von Han­si Hans­mann rich­ti­ger­wei­se als „Griff ins Klo“ bezeich­net, sie­he: https://www.derstandard.at/story/2000131557679/start-up-investor-hansmann-rot-weiss-rot-karte-war-ein

Beim Lesen der zug­hö­ri­gen User-Kom­men­ta­re fal­len auch noch wei­te­re Din­ge auf:

  • Das nai­ve, teil­wei­se erschre­cken­de Bild, das vie­le Österreicher:innen noch immer von Unternehmer:innen im all­ge­mei­nen, von Star­tups im spe­zi­el­len, haben. Wenn man was erreicht hat, gibt es Neid. Wenn man schei­tert, wird gelacht. Gene­rell weiß es jeder – wie bei Fuß­ball & Co – natür­lich selbst viel bes­ser, obwohl man kei­ner­lei prak­ti­sche Erfah­run­gen dazu hat.
  • Dass wir uns in einer doch recht klei­nen Bla­se bewe­gen und auch brei­ten­wirk­sa­me TV-For­ma­te wenig zur Bes­se­rung bei­getra­gen haben, da sie selbst­ver­ständ­lich Show-Cha­rak­ter haben müs­sen und eine ver­zerr­te Dar­stel­lung unse­rer Gründer:innen-Realität abgeben.
  • Und zu guter Letzt: Das The­ma „Kauf­haus Öster­reich“ ist nicht ver­ges­sen, was zahl­rei­che dar­auf bezug­neh­men­de Pos­ting zei­gen. Wer mei­ne Kom­men­ta­re auf Lin­kedIn dazu kennt, weiß, dass es auch bei mir nach­wirkt und in einer für mich bis­her nicht sicht­ba­ren Wei­se gezeigt habt, wie weit sich die Poli­tik von unse­rer Rea­li­tät ent­fernt hat. Eine Pres­se­kon­fe­renz ohne Pro­dukt ist halt nur eine Pressekonferenz. 😉

 

In die­sem Sin­ne: Es gibt noch viel für uns zu tun. Und jeder kann täg­lich etwas dazu bei­tra­gen: Unter­neh­mer­tum för­dern, wert­schät­zen und selbst leben.

Ver­fas­ser:

Ger­not Sin­ger; Grün­der der kubo­ni GmbH, Busi­ness Angel & Vor­stand der Aus­tri­an Angel Inves­tors Association

 

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